Tarāwīḥ-Gebet: 8, 20 oder mehr Rakʿāt? — Eine fundierte Übersicht
Das Tarāwīḥ-Gebet gehört zu den herausragenden Formen der Gottesverehrung im Monat Ramaḍān und wird von Muslimen weltweit praktiziert. Über die genaue Anzahl der Rakʿāt (Gebetseinheiten) besteht seit Jahrhunderten eine theologische Diskussion unter Gelehrten. Während einige Gemeinschaften acht Rakʿāt verrichten, beten andere zwanzig oder sogar mehr. Dieser Artikel beleuchtet die klassischen Rechtspositionen sowie zeitgenössische Fatwa-Stimmen zu dieser Frage.
Historischer Hintergrund: Die Praxis zur Zeit ʿUmars
Ein zentrales Zeugnis für die frühe islamische Praxis findet sich im al-Muwaṭṭaʾ von Mālik ibn Anas. Dort heißt es, Yazīd ibn Rūmān habe berichtet: „Die Menschen beteten zur Zeit ʿUmar ibn al-Khaṭṭābs im Ramaḍān dreiundzwanzig Rakʿāt" 📖 al-Muwaṭṭaʾ. Diese Überlieferung wird von vielen klassischen Gelehrten als Beleg für zwanzig Rakʿāt Tarāwīḥ plus drei Rakʿāt Witr gewertet und gilt als wichtige Stütze der Mehrheitsmeinung.
Darüber hinaus hält die Fatwa-Instanz Dār al-Iftāʾ Ägypten fest, dass Allahs Gesandter (Friede und Segen auf ihm) das Verrichten des freiwilligen Nachtgebets im Ramaḍān zur Sunna gemacht und den Wunsch danach erweckt habe. Abū Huraira überlieferte, der Prophet habe gesagt: „Wer immer — aus dem Glauben heraus und aus der Hoffnung auf die Belohnung Allahs — den Ramaḍān [im Gebet] begeht …" 🌐 dar-alifta. Das Tarāwīḥ-Gebet ist demnach als Sunna muʾakkada (bekräftigte Sunna) eingestuft, wenngleich seine genaue Rakʿāt-Zahl aus dem prophetischen Vorbild allein nicht eindeutig festgelegt wird.
Klassische Positionen der Rechtsschulen
Ḥanafī-Schule
Die Ḥanafīyya vertreten die Position von zwanzig Rakʿāt. Das Werk Ghamz ʿUyūn al-Baṣāʾir behandelt zwar vorrangig Fragen der Niyyah (Absicht) beim Ramaḍān-Qażāʾ, belegt jedoch indirekt den hohen Stellenwert präziser Intention beim Fasten und Beten im Ramaḍān 📖 Ghamz ʿUyun 📖 Ghamz ʿUyun. Die zwanzig Rakʿāt gelten in dieser Schule als etablierte Gemeinschaftspraxis (ijmāʿ al-ṣaḥāba).Mālikī-Schule
Auch Mālik ibn Anas überliefert im al-Muwaṭṭaʾ die Praxis von dreiundzwanzig Rakʿāt zur Zeit ʿUmars 📖 al-Muwaṭṭaʾ, was der mālikīschen Tradition als Grundlage für zwanzig Rakʿāt (plus Witr) dient. Die mālikīsche Mehrheitsmeinung stützt sich auf diese Überlieferung als Konsens der Gefährten.Shāfiʿī-Schule
In den gelieferten Quellen ist die shāfiʿīsche Position zur Rakʿāt-Zahl nicht direkt behandelt. Bekannt ist jedoch, dass al-Nawawī als führender shāfiʿīscher Gelehrter die Tradition von zwanzig Rakʿāt befürwortet; sein Werk Rawḍat al-Ṭālibīn wird im Kontext zitiert, behandelt jedoch andere Rechtsfragen 📖 Rawḍat al-Ṭālibīn.Ḥanbalī-Schule
Ibn Qudāma al-Maqdisī erörtert in al-Mughnī primär Fragen des Fastens und der Kaffāra (Sühne), ohne die Tarāwīḥ-Rakʿāt explizit zu quantifizieren 📖 al-Mughnī 📖 al-Mughnī. Eine direkte ḥanbalīsche Stellungnahme zur Rakʿāt-Zahl ist in den gelieferten Quellen nicht direkt behandelt.Zeitgenössische Fatwa-Stimmen
Dār al-Iftāʾ Ägypten betont die spirituelle Dimension des Tarāwīḥ-Gebets als Sunna und empfiehlt dessen Verrichtung in der Gemeinschaft, ohne die Anzahl der Rakʿāt als Streitpunkt in den Vordergrund zu stellen 🌐 dar-alifta.
AMJA (Assembly of Muslim Jurists of America) in Nordamerika befasst sich in ihrer Fatwa mit Ramaḍān-Pflichten wie dem Nachholen versäumter Fastentage (qażāʾ) und der Fidya, unterstreicht dabei die Verbindlichkeit der Ramaḍān-Praxis insgesamt, äußert sich zur Tarāwīḥ-Rakʿāt-Zahl jedoch nicht gesondert 🌐 amja.
Das Darul Uloom Deoband in Indien stellt in seiner Fatwa klar, dass das Tarāwīḥ-Gebet auf Reisen Sunna bleibt, jedoch — anders als Farḍ- und Wājib-Gebete — entschuldigt werden kann 🌐 deoband. Dies impliziert, dass Deoband das Tarāwīḥ als Sunna klassifiziert und die etablierte Zahl von zwanzig Rakʿāt als maßgeblich betrachtet, wie es der ḥanafīschen Tradition entspricht.
Der Fiqh Council of North America (FCNA) hebt in seiner Ramaḍān-Fatwa hervor, dass das Fasten und die begleitenden Gottesdienstformen — darunter das Nachtgebet — spirituelle Kernpflichten des Monats sind 🌐 fcna. Zur konkreten Rakʿāt-Zahl äußert sich die Fatwa nicht explizit.
Fazit
Die Frage nach der Anzahl der Tarāwīḥ-Rakʿāt ist kein Streit um Grundsätzliches, sondern spiegelt die Weite und Flexibilität der islamischen Rechtsmethodik wider. Die Überlieferung im al-Muwaṭṭaʾ von dreiundzwanzig Rakʿāt zur Zeit ʿUmars 📖 al-Muwaṭṭaʾ bildet die historische Grundlage der Mehrheitsmeinung. Institutionen wie Dār al-Iftāʾ Ägypten 🌐 dar-alifta, Deoband 🌐 deoband und FCNA 🌐 fcna betonen einhellig die spirituelle Bedeutung des Nachtgebets im Ramaḍān. Entscheidend ist letztlich, das Gebet mit Glaube und Aufrichtigkeit (imān wa-iḥtisāb) zu verrichten — darin sind sich alle Gelehrten einig.